Mut zur MERKwürdigkeit – Was hat ein quietschbuntes Einhorn-Lama mit Resilienz zu tun?
Aktualisiert: 2. Juni 2025
Die Geschichte beginnt mit einem gut gemeinten Plan – und einem schillernden Lama.
Sommerferien im Juli: 30 Jugendliche durch drei Wochen Berufsorientierungscamp bringen. Englisch, Mathe, Deutsch, Bewerbungen schreiben, Coaching, Auftreten, Theater, Werkstatt – eine Mischung aus Hogwarts und dem deutschen Bildungssystem, allerdings unter der pädagogischen Leitung von Professor Umbridge. Tagsüber: alles straff organisiert und getaktet wie in einem Uhrwerk. Nachts: eigentlich auch. Schlaf ist eine rare Ressource. Für uns Betreuende bedeutet das: 24/7 präsent sein – inhaltlich, menschlich, emotional.
Und ich? Ich pendle innerlich zwischen:
„Das ist pädagogisch wertvoll!“ und „Mir reicht’s, ich geh schaukeln!“
Auf dem Papier ist das Camp ein voller Erfolg. In mir sieht es anders aus. Ich sitze einen Abend am Lagerfeuer, das Holz knackt leise. Die Jugendlichen endlich im Schlummerland – Ruhe. Außen still. Innen laut.
Ein Kampf zwischen zwei Polen: Einerseits verstehe ich die Struktur. Sie soll fordern, an Grenzen führen, auf das „echte Leben“ vorbereiten. Andererseits spüre ich, wie wenig Raum bleibt – für das Wilde, das Schräge, das Eigensinnige in uns allen. Auch in mir. Die Sehnsucht ihnen zu sagen: Du darfst aus den Strukturen ausbrechen. Du darfst besonders sein. Du darfst merkwürdig sein - und genau das ist gut so
Auftritt: quietschbuntes, flauschiges Lama
Fünf Tage zuvor: Ich stehe mit meiner Freundin Barbara in dem einzigen Supermarkt, den es in der Gegend gibt. Wir müssen in letzter Minute ein Stofftier aussuchen. Dieses wird jeden Abend an jemanden verliehen, der oder die über sich hinauswächst. Eine schöne Geste und ein starkes Symbol. Aber was genau möchte ich den Jugendlichen eigentlich mitgeben? Zwischen Dosenravioli und Cornflakes entdecken wir es: quietschbunt, schrill, flauschig, lächelnd, mit glitzernd hellrosafarbenem Horn. Es sieht aus, als wäre ein Regenbogen mit Glitzer explodiert. Eigentlich gar nicht so mein Stil… Oder vielleicht Doch?
Es fühlt sich richtig an, als hätte ich – ohne es zu wissen – genau das gefunden, was ich noch nicht in Worte fassen kann. Barbara ist begeistert! Die Jugendlichen sind es auch. Am Abend der ersten Verleihung erhält die von ihnen den Namen Britney.

Drei Wochen später, am letzten Abend des Camps: Die Jugendlichen sitzen im Kreis. Eine riesige Bühne hinter ihnen, erschaffen aus nichts als Mut, Teamarbeit und Improvisation. Die Aufführung, auf die wir alle gemeinsam die letzten drei Wochen hingearbeitet hatten –
Ein voller Erfolg! Nicht, weil alles glatt lief – sondern weil jede*r Einzelne sichtbar war.
Ich schaue in diese Gesichter der Jugendlichen – müde, stolz, gewachsen.
Ich schaue in die Gesichter der Teamer*innen: stolz, ein müdes Lächeln auf dem Gesicht, völlig erschöpft.
Szenenwechsel: Ein ganz anderer Rahmen
Zwei Monate zuvor: Ich sitze im zweiten Modul meiner Trainerinnenausbildung. Der Raum ist schlicht, aber voller Wärme. Die Gruppe: klein, aufmerksam, offen und die Atmosphäre – magisch. Hier zählt nicht, wie viel du weißt – sondern wie sehr du dich zeigst. Fast wie das Training bei Dumbledores Armee in dem Raum der Wünsche – nur ohne Zauberstab, aber mit Flipcharts und ganz viel Herz.
Kerstin, unsere Trainerin, blickt in die Runde und stellt eine scheinbar einfache Frage:
„Was war heute für dich merkwürdig – also: merkenswert?“
Heute: Ich verstehe jetzt, was dieses Camp für mich merkenswert macht: Der Konflikt zwischen Anpassung und Echtheit. Zwischen System und Selbst. Britney war von Anfang an unterbewusst eine Botschaft – an die Jugendlichen. Und an mich selbst. Es braucht Mut, um seine Einzigartigkeit zu erkennen – noch mehr, sie zu zeigen – und am allermeisten diese Einzigartigkeit auch gegen ein System zu leben, das Angepasstheit zur Norm machen möchte.
Viele der Jugendlichen sind in diesen drei Wochen über sich hinausgewachsen –
nicht weil, sondern obwohl der Rahmen so eng war.
Die Geschichte endet mit einer inneren Haltung von Mut zur MERKwürdigkeit– und einem schillernden Lama namens Britney.
Was hat das mit Resilienz zu tun?
Resilienz heißt, mit genau solchen Spannungen umgehen zu können: Sich selbst treu bleiben – auch wenn der äußere Rahmen es schwierig macht.
Sie zeigt sich in Momenten, in denen Menschen Entscheidungen treffen müssen – zwischen Anpassung und Authentizität, zwischen Komfortzone und Entwicklung. Und sie wächst dort, wo Menschen erleben dürfen, dass sie mit dem, was sie ausmacht, Platz haben – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Besonderheit.
Menschen, die ihre Individualität leben dürfen, entwickeln eine stärkere seelische Widerstandskraft.
Oder, um es in Anlehnung an unser quietschbuntes Einhorn-Lama Britney zu sagen:
Resilienz heißt nicht, „nicht umzufallen“. Es heißt, schillernd aufzustehen – jedes Mal ein kleines bisschen bunter.
Doch wie genau funktioniert das eigentlich? Was passiert auf psychischer, sozialer – und sogar auf biochemischer Ebene, wenn wir resilient handeln?
Seid gespannt auf den nächsten Teil ;)

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